Das Referendariat in Nordrhein-Westfalen
Grundsätzliches zum Auswahlverfahren
Wenn du dein erstes Staatsexamen in der Tasche hast, beginnt das nächste große Abenteuer: die Aufnahme in den juristischen Vorbereitungsdienst. In NRW landest du dabei in einem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis (§ 30 Abs. 1 JAG NRW). Das ist kein Beamtenverhältnis auf Widerruf mehr, wie es früher mal war, aber du hast trotzdem eine dienstrechtliche Stellung, die sich stark am Beamtenrecht orientiert.
Das Wichtigste zuerst: In NRW herrscht das Prinzip der Fairness durch Zeit. Die Plätze werden grundsätzlich nach der Reihenfolge des Eingangs der Anträge vergeben. Deine Note aus dem ersten Examen ist für den Zeitpunkt deiner Einstellung völlig egal – egal ob „ausreichend“ oder „gut“, wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Es gibt allerdings zwei Ausnahmen von dieser Warteliste: Härtefälle und Bewerber mit einem gesetzlichen Vorrang (zum Beispiel durch geleisteten Dienst nach Art. 12a GG).
Ein spannender Punkt ist die Bindung an den Bezirk. Zwar werden nicht nur „Landeskinder“ eingestellt, aber wenn die Kapazitäten in einem Oberlandesgerichtsbezirk (OLG) knapp werden, zieht das Kriterium der dauerhaften persönlichen Beziehung. Das bedeutet: Wenn du in Köln wohnst, dort studiert hast und vielleicht sogar schon an der Uni arbeitest, hast du bessere Karten, auch dort dein Referendariat zu verbringen. In Köln ist das aktuell besonders streng: Ohne einen solchen engen Bezug (Wohnsitz seit zwei Jahren, verheiratet vor Ort oder Kind im Bezirk) wird es dort schwierig mit der Einstellung.
Bevor du aber überhaupt loslegen darfst, wird geprüft, ob du „würdig“ bist. Wer wegen einer vorsätzlichen Tat zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr verknackt wurde, fliegt in der Regel raus (§ 30 Abs. 4 JAG NRW). Auch laufende Ermittlungsverfahren können ein Stolperstein sein (§ 30 Abs. 5 JAG NRW). Wenn du aber eine saubere Weste hast und deinen Antrag rechtzeitig stellst, steht der Aufnahme nichts im Weg. Das Land NRW darf dich übrigens nicht ablehnen, nur weil du dein erstes Examen in einem anderen Bundesland gemacht hast (§ 30 Abs. 6 JAG NRW).
Einstellungstermine & Ausbildungsgerichte
In NRW erfolgen Einstellungen regelmäßig zum Ersten eines jeden Monats. Das Land ist in drei große OLG-Bezirke aufgeteilt: Düsseldorf, Hamm und Köln. Welches OLG für dich zuständig ist, hängt davon ab, in welchem Landgerichtsbezirk du später deine Zelte aufschlägst.
Hier sind die „Stammdienststellen“, also die Landgerichte (LG), die für dich zuständig sind, wenn du dort deinen Vorbereitungsdienst absolvierst:
- OLG-Bezirk Düsseldorf: Hier kannst du den Dienst beim LG Düsseldorf, LG Duisburg, LG Kleve, LG Krefeld, LG Mönchengladbach oder LG Wuppertal antreten.
- OLG-Bezirk Hamm: Das ist der größte Bezirk mit den Standorten LG Arnsberg, LG Bielefeld, LG Bochum, LG Detmold, LG Dortmund, LG Essen, LG Hagen, LG Münster, LG Paderborn und LG Siegen.
- OLG-Bezirk Köln: Hier ist die Auswahl etwas kleiner, aber fein: LG Aachen, LG Bonn oder LG Köln.
Dein LG ist übrigens deine personalaktenführende Stammdienststelle und der Ort, an dem dein Dienstvorgesetzter (der LG-Präsident) sitzt (§ 32 Abs. 1 JAG NRW).
OLG Düsseldorf






Das OLG Düsseldorf veröffentlicht auf seiner Internetseite regelmäßig eine Übersicht, in welchem Monat des Jahres bei welchem Landgericht Referendare eingestellt werden.
OLG Hamm










Auch das OLG Hamm veröffentlicht auf der Internetseite eine Übersicht, in welchem Monat voraussichtlich in welchen Landgerichtsbezirken Referendare eingestellt werden.
OLG Köln



Interessant ist die Taktung: Während das LG Köln jeden Monat einstellt, wechseln sich Bonn (gerade Monate) und Aachen (ungerade Monate) ab.
Die Zuweisung zu einem dieser Gerichte erfolgt nach pflichtgemäßem Ermessen des OLG-Präsidenten, wobei deine Wünsche und sozialen Belange (verheiratet, Kinder, Schwerbehinderung) berücksichtigt werden. Wenn du also unbedingt nach Münster willst, weil du dort schon deine gesamte Studienzeit verbracht hast, solltest du das im Antrag fett markieren. Es gibt aber keinen Rechtsanspruch auf einen bestimmten Ort (§ 30 Abs. 3 JAG NRW).
Für die späteren Examensklausuren gibt es feste Zuweisungen. Wenn deine Stammdienststelle zum Beispiel Aachen oder Bonn ist, schreibst du deine Klausuren in Köln. Kommst du aus Essen oder Hagen, geht es nach Bochum. Diese festen Standorte helfen der Justiz, den riesigen Klausurbetrieb zu organisieren.
Wartezeit
Geduld ist eine Tugend, und im Referendariat in NRW brauchst du davon ein ordentliches Stück. Die aktuelle Wartezeit liegt in den Bezirken Düsseldorf und Hamm bei ca. 12 Monaten ab Antragstellung. Das bedeutet: Wenn du heute deine Unterlagen einreichst, kannst du erst in etwa einem Jahr mit dem ersten Arbeitstag rechnen. Diese Zeitangaben sind jedoch nur Einstellungsprognosen und können sich verschieben, wenn viele Bewerber ihre Anträge zurückziehen oder die Kapazitäten plötzlich aufgestockt werden.
In Köln ist die Lage besonders angespannt. Da die Nachfrage dort das Angebot massiv übersteigt, werden dort quasi nur noch Leute mit „engem Bezug“ zum Bezirk eingestellt. Wer diesen Bezug nicht hat, wird oft auf den Bezirk Aachen verwiesen.
Es gibt aber einen „Cheat-Code“ für Eilige: Die Restplätze. Wenn nach den regulären Besetzungsrunden Plätze übrig bleiben (weil Leute abgesprungen sind), werden diese im Internet ausgeschrieben. Hier zählt nur die Geschwindigkeit: Wer zuerst per E-Mail sein Interesse anmeldet und vollständige Unterlagen hat, bekommt den Platz – völlig unabhängig von der Position auf der normalen Warteliste. Es lohnt sich also, regelmäßig die Webseiten der OLGs zu checken.
Deine Wartezeit kannst du übrigens nicht nutzen, um deinen Wunschort zu „erzwingen“. Wer länger wartet, hat zwar eine höhere Chance auf eine Einstellung zum Wunschtermin, aber der Wunschort bleibt immer ein Fall für die Ermessensentscheidung der Verwaltung. Wenn du einen angebotenen Platz ablehnst, fliegst du von der Warteliste und musst dich neu hinten anstellen, was oft eine weitere Wartefrist von drei bis sechs Monaten bedeutet.
Verbessern kannst du deinen Rangplatz, wenn du einen Dienst nach Art. 12a GG geleistet hast (Wehr- oder Zivildienst) oder wenn ein „Härtefall“ vorliegt, der es dir unzumutbar macht, länger zu warten. Beides musst du aber im Antrag explizit belegen.
Bewerbung und Bewerbungsverfahren
Der Startschuss für deine Bewerbung kann frühestens 18 Monate vor deinem gewünschten Einstellungstermin fallen. Du kannst dich mittlerweile fast überall online bewerben, was den Prozess deutlich beschleunigt, aber eine Authentifizierung über die Bund ID voraussetzt. Aber auch eine postalische Bewerbung bleibt möglich.
Hier ist die Checkliste der Unterlagen, die du parat haben musst (entweder digital als PDF oder analog im Original/beglaubigter Kopie):
- Antragsformular: Das offizielle „Gesuch um Aufnahme“.
- Lebenslauf: Tabellarisch und eigenhändig unterschrieben.
- Examenszeugnis: Eine beglaubigte Kopie deines ersten Staatsexamens (Gesamtzeugnis). Wenn das Original noch nicht da ist, reicht vorerst eine vorläufige Bescheinigung des Prüfungsamtes.
- Personenstandsurkunden: Deine Geburtsurkunde oder ein Auszug aus dem Stammbuch. Wenn du verheiratet bist oder Kinder hast, brauchst du auch die Heiratsurkunde bzw. die Geburtsurkunden der Kids (oft zweifach für das LBV wegen der Zuschläge).
- Passbilder: Meistens zwei oder drei Stück.
- Führungszeugnis: Und zwar die Belegart „O“ zur Vorlage bei einer Behörde (§ 30 Abs. 5 BZRG). Achte darauf, dass es bei Einstellung nicht älter als ein Jahr sein darf.
- Loyalitätserklärung: Ein Formular, in dem du deine Verfassungstreue bestätigst.
- Ggf. weitere Nachweise: Wehrdienstbescheinigung, Einverständniserklärung des Dienstherrn (falls du schon Beamter bist) oder Nachweise für einen Härtefall.
Achtung bei den Fristen: Deine Unterlagen müssen spätestens zwei bis drei Monate vor dem Einstellungstermin vollständig vorliegen, damit du im regulären Verfahren ein Angebot bekommst. In Köln gilt sogar eine Frist bis zum Ende des vierten Monats vorher, wenn du deinen Wunschtermin nochmal verschieben willst. Das OLG schickt dir dann etwa sechs bis acht Wochen vor dem Start ein konkretes Angebot per E-Mail zu, das du innerhalb einer kurzen Frist annehmen musst.
Anschriften
Bei postalischen Bewerbungen ist die Bewerbung an das OLG zu adressieren, in dessen Bezirk der Bewerber in den Referendardienst eingestellt werden möchte. Möglich ist es natürlich auch, sich bei allen drei Oberlandesgerichten zu bewerben. Dies ist dann aber - genauso wie bei einem gleichzeitigen Gesuch in einem anderen Bundesland - in den Anträgen anzugeben. Die Anschriften lauten:
An den Präsidenten des
Oberlandesgerichts Düsseldorf
Cecilienallee 3
40474 Düsseldorf
An die Präsidentin des
Oberlandesgerichts Hamm
Dezernat 5
Heßlerstraße 53
59065 Hamm
An den Präsidenten des
Oberlandesgerichts Köln
Referendarabteilung
Reichenspergerplatz 1
50670 Köln
Das weitere Verfahren
Nach Eingang der vollständigen Bewerbung erhält man eine unverbindliche Mitteilung darüber, wann man voraussichtlich in den Referendardienst eingestellt wird. Dies hängt mit den oben genannten Wartezeiten zusammen. Die tatsächliche Dauer bis zur Einstellung kann jedoch variieren und der Termin kann sich in Einzelfällen nach hinten verschieben oder selten aber auch nach vorne ziehen, worauf man sich gedanklich zumindest einstellen sollte. Denn zum Teil lehnen andere Bewerber einen ihnen angebotenen Referendarplatz ab, ziehen ihre Bewerbung komplett zurück oder aber es gehen nach der eigenen Bewerbung weitere Bewerbungen ein, die aufgrund eines Härtefalls vorrangig berücksichtigt werden.
Etwa 6 Wochen vor dem für den Bewerber vorgesehenen Einstellungstermin erhält man dann von der Referendarabteilung ein konkretes Angebot auf einen Referendarplatz. Gleichzeitig wird eine Frist gesetzt, bis wann man sich für oder gegen diesen Referendarplatz entschieden haben muss, da der Platz sonst anderweitig vergeben wird.
Nimmt man dieses Angebot an, so tritt man zu dem genannten Zeitpunkt in den Referendardienst ein. Lehnt man es dagegen ab oder reagiert verspätet, dann wird man in den OLG-Bezirken Düsseldorf und Köln in der Warteliste, die sich grundsätzlich nach dem Datum des Eingangs der Bewerbung richtet, mit dem Datum der Ablehnung geführt. Praktisch bedeutet dies eine Sperrzeit, die der Wartezeit in dem jeweiligen OLG-Bezirk entspricht.
Das OLG Hamm verfährt bei einer Ablehnung oder verspäteten Annahme des angebotenen Referendarplatzes anders: Dort wird man komplett von der Warteliste gestrichen. Grundsätzlich muss man sich demnach mit allen Unterlagen neu bewerben. Nur wenn man gleichzeitig mit Ablehnung des angebotenen Referendarplatzes erklärt, dass die Bewerbung aufrecht erhalten werden soll, erfolgt unter Verlust des Rangplatzes eine erneute Eingliederung in das Zuteilungsverfahren. In der Warteliste werdet ihr dann nicht mehr mit dem Datum des damaligen Bewerbungseingangs geführt, sondern nunmehr mit dem Datum des Eingangs der Ablehnung – entsprechend rutscht ihr auf der Warteliste nach unten. In diesem Fall wirdeuch frühestens nach Ablauf einer weiteren Wartefrist von 3 Monaten ein neues Ausbildungsplatzangebot unterbreitet.
Unterhaltsbeihilfe und Krankenversicherung
Reich wirst du im Referendariat zwar nicht, aber du bekommst eine monatliche Unterhaltsbeihilfe, um über die Runden zu kommen (§ 32 Abs. 3 JAG NRW). Aktuell (Stand Februar 2025) liegt der monatliche Grundbetrag bei 1.525,17 Euro brutto. Wenn du verheiratet bist oder Kinder hast, gibt es noch einen Familienzuschlag nach dem Landesbesoldungsrecht obendrauf.
Die Beihilfe kommt pünktlich zum Monatsende auf dein Konto, direkt vom Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV). Aber Vorsicht: Es gibt kein Weihnachtsgeld, kein Urlaubsgeld und auch keine vermögenswirksamen Leistungen. Wenn du deinen Vorbereitungsdienst in Teilzeit absolvierst, wird die Beihilfe entsprechend um ein Fünftel gekürzt.
Ein ganz wichtiger Punkt ist die Krankenversicherung. Da du kein Beamter bist, unterliegst du der vollen Sozialversicherungspflicht. Du musst dich also gesetzlich krankenversichern und bekommst keine Beihilfe im Krankheitsfall. Das bedeutet, du zahlst die vollen Beiträge von deiner Beihilfe. Rentenversicherungsbeiträge musst du hingegen nicht zahlen, da du versicherungsfrei bist (§ 5 SGB VI); stattdessen erwirbst du eine Anwartschaft auf Versorgung nach beamtenrechtlichen Regeln.
Falls du während der Ausbildung krank wirst, hast du Anspruch auf Entgeltfortzahlung – allerdings erst, wenn du mindestens vier Wochen ununterbrochen dabei bist. Wenn du also direkt im ersten Monat (dem Einführungsmonat) krank wirst, gibt es erst mal kein Geld. Bei einer Schwangerschaft zahlt das Land während der Schutzfristen die Differenz zwischen dem Mutterschaftsgeld der Krankenkasse und deiner Unterhaltsbeihilfe. Und denk dran: Unentschuldigtes Fehlen führt sofort zum Verlust der Beihilfe (§ 4 Unterhaltsbeihilfeverordnung).
Gesetzliche oder Private Krankenversicherung
Angehende Rechtsreferendare müssen sich vor dem Start in den Vorbereitungsdienst Gedanken dazu machen, wie sie sich während des Referendariats krankenversichern. Wir haben alle relevanten Informationen zusammengetragen und auf einer speziellen Seite zum Thema Gesetzliche bzw. Private Krankenversicherung im Rechtsreferendariat für Dich aufbereitet.
Nebentätigkeiten und Stationsentgelte
Du willst nebenbei noch in einer Kanzlei jobben oder beim Repetitor korrigieren? Das geht, aber du musst Regeln beachten. Jede Nebentätigkeit muss vorher genehmigt werden (§ 48 LBG NRW). Der Umfang ist begrenzt: Bei juristischen Tätigkeiten sind es maximal 12 Stunden pro Woche, bei nicht-juristischen Jobs sogar nur 8 Stunden. Wichtig: Du darfst niemals eine Nebentätigkeit bei deinem aktuellen Stationsausbilder ausüben – das ist streng verboten.
Wenn du bei deiner Nebentätigkeit so richtig gut verdienst, wird das auf deine Unterhaltsbeihilfe angerechnet. Die Grenze liegt beim Zweifachen des Grundbetrages (plus Familienzuschlag). Alles, was darüber liegt, wird von deiner Beihilfe abgezogen.
Ein besonderes Thema sind die Zusatzvergütungen (Stationsentgelte) in der Anwalts- oder Wahlstation. NRW hat hier ein spezielles Modell: Die Ausbildungsstelle zahlt das Geld nicht direkt an dich, sondern überweist es an das LBV. Das Land behält davon pauschal 25 Prozent ein, um die zusätzlichen Sozialversicherungsbeiträge zu refinanzieren, die es als dein Arbeitgeber abführen muss. Du bekommst dann den Rest (abzüglich Steuern) zusammen mit deiner normalen Beihilfe ausgezahlt.
Dazu kommt eine weitere Anrechnungsregel: Wenn deine Zusatzvergütung (nach dem 25%-Abzug) plus dein Nebentätigkeitsentgelt die Freigrenze (zweifacher Grundbetrag) übersteigt, wird der Rest ebenfalls von deiner Beihilfe abgezogen (§ 3 Verordnung). Du musst solche Zahlungen übrigens drei Monate vorher anmelden. Das klingt kompliziert, dient aber dazu, dass dein Versicherungsschutz auch für das zusätzliche Geld sauber abgewickelt wird.
Ablauf und Inhalt des Referendariats
Das Referendariat in NRW dauert insgesamt 24 Monate (§ 35 Abs. 1 JAG NRW). Es ist wie ein Fünfkampf durch die verschiedenen Rechtsgebiete aufgebaut (§ 35 Abs. 2 JAG NRW):
- Zivilstation (5 Monate): Du startest bei einem Zivilgericht (LG oder AG). Der erste Monat ist ein reiner Einführungslehrgang, danach arbeitest du einem Richter zu und besuchst einmal die Woche eine AG.
- Strafstation (3 Monate): In der Regel geht es zur Staatsanwaltschaft, seltener zum Strafgericht. Hier lernst du das „Sitzungsgeschäft“ und vertrittst vielleicht sogar schon die Anklage vor dem Strafrichter.
- Verwaltungsstation (3 Monate): Hier bist du bei einer Behörde, zum Beispiel der Stadtverwaltung oder der Bezirksregierung. Du kannst aber auch bis zu zwei Monate bei einem Verwaltungs-, Finanz- oder Sozialgericht verbringen (§ 35 Abs. 3 JAG NRW).
- Rechtsanwaltsstation (9 Monate): Der längste Block. Du suchst dir einen Anwalt, dem du über die Schulter schaust. Davon kannst du bis zu drei Monate bei einem Notar, in einem Unternehmen oder einem Verband verbringen.
- Wahlstation (4 Monate): Zum Abschluss darfst du dir eine Stelle aussuchen, die zu deinen Interessen passt (§ 36 Abs. 1 JAG NRW).
Wenn du Kinder betreust oder Angehörige pflegst, kannst du das Ganze auch in Teilzeit machen. Dann wird dein Dienst um 20 Prozent reduziert, aber das Referendariat verlängert sich auf bis zu 30 Monate (§ 35a JAG NRW).
Das Ziel ist die „Profilbildung“: Du sollst lernen, eigenverantwortlich und praxisorientiert zu arbeiten (§ 39 Abs. 1 JAG NRW). Dabei wirst du von erfahrenen Ausbildern betreut, die deine Leistungen in Zeugnissen bewerten (§ 46 JAG NRW).
Weitere Leistungen und Fortbildungsangebote
NRW bietet dir ein paar nette Extras, um die Ausbildung angenehmer zu gestalten. Ein echtes Highlight ist der kostenlose Zugang zu juris und Beck-online. Du kannst von zu Hause aus in den riesigen Datenbanken recherchieren, was für die Hausarbeiten und die Klausurvorbereitung Gold wert ist. Du musst dafür nur einen Antrag bei deiner Stammdienststelle stellen.
Für Globetrotter gibt es das Frankreich-Programm. Das ist ein einwöchiges Seminar in Paris, bei dem du Einblicke in das französische Rechtssystem bekommst. Wer es lieber wissenschaftlich mag, kann ein Semester an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer verbringen (§ 35 Abs. 5 JAG NRW). Das Studium dort wird auf die Verwaltungs-, Anwalts- oder Wahlstation angerechnet.
In Sachen Fortbildung gibt es Angebote zu Schlüsselqualifikationen wie Rhetorik, Mediation oder Verhandlungsmanagement an der Justizakademie NRW in Recklinghausen. Und wenn du unterwegs bist: Unter bestimmten Voraussetzungen kannst du Reisekosten oder eine Trennungsentschädigung (TEVO) beantragen, wenn deine Ausbildungsstelle weit von deiner Stammdienststelle entfernt liegt. Für den modernen Input gibt es den RefPod, den offiziellen Podcast der Justiz NRW fürs Referendariat.
Klausurenkurse und Aktenvortragskurse
Damit du im Examen nicht wie der Ochs vor dem Berg stehst, bieten die OLGs einen zentralen Online-Klausurenkurs an. Jede Woche besprechen erfahrene Praktiker (Richter, Staatsanwälte, Anwälte) originale Examensklausuren per Webinar. Die Sachverhalte bekommst du eine Woche vorher über die Lernplattform ILIAS. Es wird dringend empfohlen, Arbeitsgruppen zu bilden und die Klausuren gegenseitig zu korrigieren.
Ein wichtiger Teil deiner Ausbildung ist die Fortgeschrittenen-AG (F-AG), die vom 12. bis zum 20. Monat läuft. Hier wird es ernst: Alle acht Wochen gibt es eine Klausurenwoche, in der du vier Klausuren unter Examensbedingungen schreibst. Insgesamt kommst du so auf 16 Übungsklausuren in dieser Phase.
Für den Aktenvortrag in der mündlichen Prüfung gibt es ebenfalls spezielle Kurse und Materialien. Du lernst dort, wie du in nur einer Stunde Vorbereitungszeit einen komplexen Fall durchdringst und ihn in 12 Minuten souverän präsentierst (§ 51 Abs. 3 JAG NRW). Diese Kurse sind oft in die AGs integriert oder werden als separate Workshops angeboten.
Das zweite Staatsexamen in Nordrhein-Westfalen
Es besteht aus einem schriftlichen und einem mündlichen Teil (§ 51 Abs. 1 JAG NRW).
- Schriftlicher Teil: Im 21. Ausbildungsmonat schreibst du acht Aufsichtsarbeiten à fünf Stunden. Die Verteilung ist fix: vier Klausuren im Zivilrecht, zwei im Strafrecht und zwei im Öffentlichen Recht. Seit 2024 hast du in NRW die Wahl, ob du diese Klausuren per Hand oder als E-Klausur am Laptop schreibst (§ 51 Abs. 1 JAG NRW). Die E-Klausur ist mittlerweile der Standard, für die handschriftliche Variante musst du dich explizit melden.
Im schriftlichen Examen zugelassen sind 7 Kommentare (Grüneberg, Thomas/Putzo, Fischer, Meyer-Goßner, Kopp/Schenke, Kopp/Ramsauer sowie Hopt). Da man auf jeden Fall die neueste Auflage der Kommentare im Examen zur Verfügung haben sollte und die Bücher sehr teuer sind (über 500 €), vermieten wir diese Kommentare an Rechtsreferendare. Unser Angebot für Referendare aus Nordrhein-Westfalen findest Du hier...
- Mündlicher Teil: Wenn du den schriftlichen Teil bestanden hast (Schnitt mindestens 3,50 Punkte und nicht mehr als die Hälfte mangelhaft), wirst du zur mündlichen Prüfung geladen (§ 20 Abs. 1 JAG NRW). Diese findet meist im 25. Monat statt. Sie beginnt mit einem Aktenvortrag (12 Minuten), gefolgt von einem Prüfungsgespräch, das etwa 30 bis 45 Minuten pro Prüfling dauert (§ 51, 55 JAG NRW).
Die Gesamtnote errechnet sich zu 65 % aus den Klausuren, zu 10 % aus dem Aktenvortrag und zu 25 % aus dem Prüfungsgespräch (§ 56 Abs. 2 JAG NRW). Bestanden hast du, wenn du am Ende mindestens 4,00 Punkte erreichst (§ 18 Abs. 2 JAG NRW). Wer besteht, darf sich fortan „Assessorin“ oder „Assessor“ nennen (§ 61 JAG NRW).
Statistik zum zweiten Examen
Für Juristen, die sich überlegen, in welchem Bundesland sie das Referendariat ableisten wollen, ist es sicherlich auch wichtig, einen Blick auf die Examensstatistiken zu werfen:
- NRW
- Bundesdurchschnitt
Werte als Tabelle anzeigen
| 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| NRW | 16,5 | 15,1 | 15,6 | 16,4 | 15,2 | 13,9 | 14,3 | 13,5 | 13,6 | 15,6 |
| Bundesdurchschnitt | 13,8 | 14,2 | 13,2 | 12,8 | 12,6 | 11,6 | 12,2 | 12,3 | 12,1 | 12,5 |
- NRW
- Bundesdurchschnitt
Werte als Tabelle anzeigen
| 2015 | 2016 | 2017 | 2018 | 2019 | 2020 | 2021 | 2022 | 2023 | 2024 | |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| NRW | 18,4 | 17,2 | 18,3 | 18,0 | 18,9 | 20,8 | 20,0 | 20,3 | 20,3 | 19,8 |
| Bundesdurchschnitt | 18,2 | 18,3 | 18,7 | 19,5 | 19,5 | 21,3 | 21,4 | 21,0 | 21,3 | 21,7 |
Notenverbesserung
Du hast bestanden, bist aber mit deiner Note unzufrieden? Kein Problem, dafür gibt es den Verbesserungsversuch (§ 56a JAG NRW). Diesen Antrag musst du innerhalb von drei Monaten nach Bekanntgabe deines Ergebnisses stellen. Wichtig: Du musst das Examen im ersten Anlauf in NRW bestanden haben; wer erst in der Wiederholungsprüfung besteht, darf nicht mehr verbessern.
Der Spaß ist allerdings nicht ganz billig: Die Gebühr für die zweite juristische Staatsprüfung beträgt stolze 975 Euro. Das Geld musst du als Vorschuss einzahlen, sonst wird dein Antrag abgelehnt. Die Gebühr ermäßigt sich auf 125 Euro, wen man nach Beginn des schriftlichen Examens auf eine Fortführung verzichtet. Erklärt man den Verzicht innerhalb von 3 Tagen nach Bekanntgabe der Klausurergebnisse, ermäßigt sich die Gebühr zumindest noch auf 725 Euro.
Du musst die Prüfung vollständig wiederholen, das heißt alle acht Klausuren und die mündliche Prüfung nochmal machen. Eine Anrechnung einzelner Leistungen aus dem ersten Versuch ist nicht möglich. Wenn du im zweiten Anlauf schlechter abschneidest, ist das kein Weltuntergang – es gilt das bessere Ergebnis (§ 26 Abs. 2 JAG NRW).

