Ein Strafverteidiger zu seinen Erfahrungen mit RechtsreferendarInnen
Meistens findet man im Netz – so wie auch hier im RefBlog – nur Erfahrungen und Meinungen von Rechtsreferendaren im Hinblick auf ihre Ausbilder. Interessant ist es aber auch zu erfahren, was Anwälte über die Tätigkeit der Rechtsreferendare in der Stationsausbildung und insbesondere über das Auftreten der Referendare als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft denken.
Der Frankfurter Strafverteidiger Wolfgang Reich hat sich im Interview mit Justament genau dazu geäußert. Zu seinen Erfahrungen als Ausbilder von Referendaren, die in der Anwalts- oder Wahlstation bei ihm waren:
Oft hatte ich den Eindruck, dass völlig falsche Vorstellungen von der Tätigkeit des Verteidigers bestehen. So muss ich immer wieder darauf hinweisen, dass der Verteidiger keineswegs für seinen Mandanten lügen darf. Der einzige Mensch, der in einer Hauptverhandlung lügen darf, ist der Angeklagte selbst. Für den Verteidiger gilt hingegen: 1.: Alles, was der Verteidiger sagt, muss wahr sein. Und 2.: Nicht alles, was der Verteidiger weiß, darf er auch sagen. Hierbei die richtige Entscheidung zu treffen, ist oft schwierig. Schlägt doch jederzeit das Damoklesschwert der Strafvereitelung über dem Strafverteidiger.
Und auf die Frage, welche Eindrücke er von ReferendarInnen habe, die als Sitzungsvertreter der Staatsanwaltschaft auftreten, antwortet RA Reich:
Meistens haben sie sich im Rahmen des Aktenstudiums gut auf die Sache vorbereitet. Jedoch mangelt es in vielen Situationen an dem bereits angesprochenen Einfühlungsvermögen für die konkrete Situation und den vor Gericht stehenden konkreten Menschen. [...] Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man zum Teil auf meinen Mandanten verbal herum gehackt hat, um diese ein wenig zu quälen. ReferendarInnen sollten sie immer vor Augen führen, dass ein Mensch, der als Angeklagter vor Gericht steht, sich in aller Regel in einer Ausnahmesituation befindet. Dieser Mensch ist in aller Regel voller Ängste vor den Konsequenzen, die ihm drohen. Nicht selten ist auch ein solcher Mensch, je nach dem angeklagten Delikt, auch voller Schamgefühl.
Das ganze Interview mit dem Frankfurter Strafverteidiger findest Du auf der oben verlinkten Seite der justament-online.





Diesen Eindruck kann selbst ich aus Referendarsicht teilen.Der Grund hierfür ist einfach, da ReferendarInnen oft mit einer gewissen Vorstellung in die Sitzungen gehen. Das gewisse Feingefühl in den Sitzungen erlernt man nicht in Absprache mit seinem Ausbilder (denn der kennt ja auch nur die Handakten). Entweder besitzt man es und kann diese “Karte” spielen oder eben nicht.
Oftmals – so meine Erfahrungen – ist der Sitzungsdienst auch nicht all zu beliebt. Man mag das Strafrecht nicht und frei reden möchte man auch nicht. Man scheut sich vor Situationen, die vorher nicht besprochen worden sind und letztlich bleibt die “Angst” etwas falsch zu machen. All diese Punkte können zu einem solchen Eindruck führen. Und sicherlich gibt es auch die Sparte ReferendarInnen, denen das verbale Verhauen Spaß macht.
Ich würde gern mal mit dem Frankfurter Strafverteidiger verhandeln und danach über diverse Ansichten sprechen. Halte ich für durch aus interessant, zumal mir momentan (noch) das Gen der Strafverteidigung fehlt.
@Kopfgedanken: In unserer AG gab es auch die zwei von Dir beschriebenen Gruppen: die einen, die die Sitzungsvertretung gehasst haben, vor allem wegen des frei Redens, und allein deshalb in der Sitzung als Referendare zu erkennen waren. Und dann gab es die anderen, die gerne auch mal dem Angeklagten gegenüber die Moralpredigt gehalten haben und die sich bestimmt vor der Sitzungsvertretung gewünscht haben, dass viel Publikum an dem Tag dabei ist, damit sich der Auftritt auch lohnt. Die Gruppen haben sich ungefähr die Waage gehalten.
@jt: gab es auch eine dritte Gruppe derer, die Spass am Sitzungsdienst hatten ohne gleichzeitig Freude am Fertigmachen der Angeklagten zu haben???
Von solchen Referendaren aus unserer AG habe ich nichts mitbekommen. Ich zähle mich auch wohl eher zu den Leuten, die die Sitzungsvertretung ungern gemacht haben, ich war jedesmal froh, wenn der Tag vorbei war!
Ich meine solche Referendare, die gerne Sitzungsvertretung gemacht haben, ohne Freude am Fertigmachen zu verspüren, bei uns in der AG gehabt zu haben. Eine zugegeben seltene Spezies
Einer von Ihnen hat dieses Talent dann auch genutzt und ist nun Staatsanwalt!
@Michael: es wäre auch schlimm, wenn es diese Gruppe nicht geben würde (dann müsste ich wohl ins Raritätenkabinett).
Ich finde es ehrlich gesagt manchmal etwas befremdlich, wenn ich Refs höre, die Angst vorm öffentlichen Sprechen haben. Ich mein, die Juristerei lebt von der Sprache, schriftlich und mündlich.
Aber vielleicht liegt es im hiesigen Dienst auch an der Einsatzquote. Wie ich hier im Blog gelesen habe, scheint das extrem unterschiedlich gehandhabt zu werden. In hiesigen Breiten wird man minimal 1 mal pro Woche (beginnend in der 2. Woche ab Stationsbeginn) eingesetzt. Das schult schon ungemein.