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  Ausgabe 43/2026
Montag, der 19.10.2026
     

 / Allgemein

Blick über den Tellerrand: Der Dichterjurist

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So vielfältige Talente wie bei den Juristen findet man in kaum einer anderen Berufsgruppe, daher wundert es kaum, dass sich für einige sogar eigene Begrifflichkeiten entwickelt haben. Der Kategorie „Dichterjurist“ (was sich dahinter verbirgt, ist klar: Dichter mit juristischer Ausbildung) gehören laut der Wikipedia-Liste der Dichterjuristen mehrere hundert Berühmtheiten an. Johann Wolfgang von Goethe kennt jeder als Dichterjuristen, aber auch Novalis, Heinrich Heine und Theodor Storm hatten Jura studiert. Gleiches gilt beispielsweise auch für Franz Kafka und Kurt Tucholsky.

Auch in anderen künstlerischen Bereichen sind Juristen vertreten: Wassily Kandinsky beispielsweise studierte in Moskau Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und schlug sogar eine Professur in Dorpat aus, bevor er als Mitbegründer des „Blauen Reiters“ und Wegbereiter der abstrakten Malerei in die Kunstgeschichte einging.

Abseits der Literatur bleiben solche Beispiele aber die Ausnahme – Lyrik und Epik haben es den Juristen ganz offensichtlich am meisten angetan. Und nachdem der Entschluss stand, dem Juristentum den Rücken zuzukehren, ließ kaum jemand ein gutes Haar an der Juristerei. So schrieb der ältere der Brüder Grimm, Jacob Grimm: „…könnte ich mich jetzt nicht mit Staats-, Privatrecht etc. abgeben, und zu solchen Sachen muss mir das Wasser bis zum Hals gehen, ehe ich sie angreife…“.

Ganz losgelassen hat das Recht Jacob Grimm allerdings nie: Er hatte ab 1802 in Marburg bei Savigny Jura studiert, wandte sich dann der Philologie zu und blieb dem Recht doch als Forscher verbunden – etwa mit seinen Arbeiten zu den Rechtsaltertümern und seinem Aufsatz „Von der Poesie im Recht“. Mehr dazu erzählt ein Beitrag der LTO über Jacob Grimm und die Poesie im Recht.

Und die Tradition lebt fort: Zu den Autorinnen und Autoren mit juristischem Hintergrund zählen auch Juli Zeh, Martin Mosebach und John Grisham.

Der SPIEGEL (damals noch Spiegel Online, Rubrik UniSpiegel) beschäftigte sich 2001 in einem ganzen Artikel höchst unterhaltsam mit dieser Thematik und nannte ihn ganz klangvoll „Ich scheiße auf die Rechtswissenschaften“ – nach einem bekannten Zitat Gustave Flauberts. Wem es also mal wieder an Motivation fehlt, der sollte diesen Artikel auf keinen Fall lesen! 🙂 [RefN]

Der Artikel wurde am 28. April 2026 von veröffentlicht. Alice ist eine ehemalige Referendarin aus Mecklenburg-Vorpommern.