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Das Referendariat in Schleswig-Holstein

Grundsätzliches zum Auswahlverfahren

Das Auswahlverfahren für den juristischen Vorbereitungsdienst in Schleswig-Holstein unterliegt strengen gesetzlichen Regelungen, da der Zugang aufgrund von Kapazitätsgrenzen beschränkt ist. Die Rechtsgrundlagen bilden insbesondere § 125 des Landesbeamtengesetzes (LBG) sowie die Landesverordnung über die Beschränkung der Einstellung in den juristischen Vorbereitungsdienst (KapVOjVD). Derzeit werden jährlich insgesamt bis zu 256 neue Referendarplätze angeboten, die auf die verschiedenen Einstellungstermine verteilt werden. Die Vergabe dieser begehrten Plätze erfolgt nach einem festen Prozentschlüssel über drei verschiedene Listen: die Leistungsliste, die Härtefallliste und die Warteliste.

Die Leistungsliste umfasst 55 % der zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze. Ausschlaggebendes Kriterium für die Platzierung auf dieser Liste ist die Examensnote der ersten juristischen Staatsprüfung, wobei sowohl der staatliche Pflichtfachteil als auch die universitäre Schwerpunktbereichsprüfung in die Wertung einfließen. Sollten Bewerber die gleiche Punktzahl erreicht haben, entscheidet zunächst die längere Wartezeit über die Rangfolge; besteht auch hier Gleichstand, gibt das Los den Ausschlag. Die erforderlichen Noten für eine erfolgreiche Einstellung über diese Liste schwanken erheblich und hängen von der aktuellen Bewerberlage ab. Beispielsweise lag die Grenze im Juni 2025 bei 6,65 Punkten, stieg jedoch zum April 2026 auf 9,01 Punkte an.

Weitere 10 % der Plätze sind für die sogenannte Härtefallliste reserviert. Ein Härtefallantrag kann gestellt werden, wenn besondere persönliche Umstände vorliegen, die eine sofortige Einstellung zwingend erforderlich machen. Typische Beispiele hierfür sind Unterhaltspflichten gegenüber Kindern oder eine anerkannte Schwerbehinderung. Die genauen Voraussetzungen für die Geltendmachung eines solchen Härtefalls ergeben sich aus § 8 der KapVOjVD.

Die verbleibenden 35 % der Plätze werden über die Warteliste vergeben. Voraussetzung für die Aufnahme in diese Liste ist eine „uneingeschränkte Bewerbung“, was bedeutet, dass der Antrag keine Bedingungen oder Vorbehalte hinsichtlich des Ortes oder Termins enthalten darf. Die Wartezeit wird ab dem Tag berechnet, an dem die vollständige Bewerbung beim Oberlandesgericht eingeht. Bei gleicher Wartezeit entscheidet wiederum die bessere Leistung im ersten Examen, gefolgt vom Losverfahren. Ein besonderer Bonus gilt nach § 125 Absatz 4 LBG für Bewerber, die Dienste wie ein freiwilliges soziales Jahr, Wehrdienst oder Bundesfreiwilligendienst geleistet haben; ihnen wird die Zeit angerechnet, die sie ohne diesen Dienst bereits auf der Warteliste verbracht hätten.

Ein wichtiger Aspekt des Verfahrens ist die Konsequenz einer Ablehnung: Wer einen angebotenen Referendariatsplatz ausschlägt, muss mit einer Sperre von sechs Monaten für eine erneute Bewerbung rechnen. Zudem verfällt in diesem Fall die bisherige Wartezeit, und eine erneute Bewerbung wird wie eine Erstbewerbung behandelt, die dann nur noch über die Warteliste erfolgen kann. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer sorgfältigen Planung vor Abgabe der Bewerbung.

Einstellungstermine & Ausbildungsgerichte

Die Einstellung in den juristischen Vorbereitungsdienst in Schleswig-Holstein erfolgt in einem zweimonatigen Turnus, wobei die Zuweisung zu den verschiedenen Landgerichtsbezirken geografisch und zeitlich gestaffelt ist. Als Stammdienststellen dienen die vier Landgerichte des Landes.

Die Einstellungstermine sind wie folgt geregelt:

  • In den Landgerichtsbezirken Kiel und Flensburg erfolgt die Einstellung jeweils zum 01. Februar, 01. Juni und 01. Oktober eines jeden Jahres.
  • In den Landgerichtsbezirken Lübeck und Itzehoe findet die Einstellung jeweils zum 01. April, 01. August und 01. Dezember statt.
LG Flensburg
LG Flensburg
LG Itzehoe
LG Itzehoe
LG Kiel
LG Kiel
LG Lübeck
LG Lübeck

In der Regel ist der Einstellungstag der erste Werktag des jeweiligen Monats. Falls der Monatsanfang auf ein Wochenende fällt, verschiebt sich die Einstellung auf den darauffolgenden Wochenbeginn, was zur Folge hat, dass die Unterhaltsbeihilfe für diesen ersten Monat anteilig verringert gezahlt wird.

Bewerber können bei ihrer Bewerbung Präferenzen für einen der vier Bezirke angeben. Es besteht jedoch grundsätzlich kein Rechtsanspruch auf Zuweisung zu einem bestimmten Landgericht. Das Oberlandesgericht ist jedoch bemüht, Ortswünsche nach Möglichkeit zu berücksichtigen, sofern die Ausbildungskapazitäten dies zulassen. Eine verbindliche Zuweisung zu einem bestimmten Bezirk kann nur durch einen erfolgreichen „örtlichen Härtefallantrag“ erzwungen werden, dessen Kriterien in der Kapazitätsverordnung festgelegt sind.

Die Wahl des Landgerichtsbezirks ist von großer Bedeutung für den täglichen Ablauf des Referendariats, da die begleitenden Arbeitsgemeinschaften (AG) grundsätzlich an den Standorten der jeweiligen Landgerichte stattfinden. Während der Zivilstation erfolgt die Ausbildung an den zum Bezirk gehörenden Amtsgerichten oder den Kammern des Landgerichts selbst. In der Strafstation besteht zudem eine Wahlmöglichkeit zwischen der Ausbildung bei der Staatsanwaltschaft oder an einem Amtsgericht in Strafsachen, wobei die Staatsanwaltschaften in Schleswig-Holstein oft die primäre Ausbildungsstelle darstellen.

Wartezeit

Die Wartezeit ist ein zentrales Element im schleswig-holsteinischen Auswahlprozesses, da sie für einen bedeutenden Teil der Bewerber den einzigen Weg zum Ausbildungsplatz darstellt. Da regelmäßig mehr Bewerbungen eingehen, als Plätze vorhanden sind, kann nicht jedem Bewerber sofort ein Platz angeboten werden. Die Berechnung der Wartezeit beginnt exakt mit dem Tag des Eingangs der vollständigen Bewerbungsunterlagen beim Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts.

Eine essenzielle Voraussetzung für das Ansammeln von Wartezeit ist die Abgabe einer uneingeschränkten Bewerbung. Das bedeutet, der Bewerber darf keine Bedingungen stellen, wie etwa die Zuweisung zu einem spezifischen Ort oder die Einstellung zu einem exakt festgelegten Termin. Jede Form von Vorbehalt führt dazu, dass die Bewerbung als „eingeschränkt“ eingestuft wird, was den Verlust jeglicher Wartezeitansprüche zur Folge hat; eine solche Bewerbung wird dann ausschließlich über die Leistungsliste nach der Examensnote bewertet.

Es gibt jedoch gesetzlich definierte Ausnahmen und Vergünstigungen. Nach § 125 Absatz 4 LBG und § 9 Absatz 3 KapVOjVD wird Bewerbern, die bestimmte Dienste geleistet haben, ein fiktiver früherer Bewerbungszeitpunkt zugerechnet. Dies betrifft insbesondere:

  • Den freiwilligen Wehrdienst oder Wehrersatzdienst.
  • Den Bundesfreiwilligendienst oder Entwicklungsdienst.
  • Die Ableistung eines freiwilligen sozialen oder ökologischen Jahres.

Bewerber können sich zudem ohne Verlust ihrer bereits erlangten Wartezeit zurückstellen lassen, wenn anerkannte Gründe vorliegen. Hierzu zählen unter anderem die Durchführung eines Notenverbesserungsversuchs, die Betreuung eines Kindes während der Elternzeit, eine Promotion oder die Aufnahme eines ergänzenden Studiums zur Überbrückung. Ein entsprechender Rückstellungsantrag muss spätestens zwei Monate vor dem Termin gestellt werden, zu dem der Bewerber eigentlich eingestellt worden wäre.

Die Wartezeit selbst unterliegt ständigen Schwankungen. Es wird empfohlen, sich regelmäßig beim OLG nach dem aktuellen Stand zu erkundigen. Kritisch ist die Situation, wenn ein Platzangebot abgelehnt wird: Wer einen zugewiesenen Platz nicht annimmt, verliert seine gesamte bisherige Wartezeit und unterliegt einer sechsmonatigen Sperre.

Bewerbung und Bewerbungsverfahren

Das Bewerbungsverfahren für das Rechtsreferendariat in Schleswig-Holstein ist ein formalisierter Prozess, der beim Präsidenten des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts in Schleswig angesiedelt ist.

Die Anschrift lautet:

Präsident des Schleswig-Holsteinischen Oberlandesgerichts
Gottorfstraße 2
24837 Schleswig

Aufgrund der hohen Bewerberzahlen und der strikten Einhaltung der Kapazitätsverordnung ist eine präzise und fristgerechte Einreichung der Unterlagen unerlässlich. Bewerbungen werden nur dann für einen bestimmten Termin berücksichtigt, wenn sie spätestens zwei Monate vor dem jeweiligen Einstellungstermin vollständig und in schriftlicher Form beim OLG eingegangen sind.

In den letzten Jahren wurde das Verfahren modernisiert: Die Referendarpersonalakten werden mittlerweile primär in elektronischer Form geführt. Bewerber werden daher gebeten, die Formulare digital auszufüllen und per E-Mail an das Postfach OLG-Referendariat@OLG.LandSH.de zu senden. Dennoch müssen bestimmte Dokumente, insbesondere beglaubigte Abschriften, zur Fristwahrung teilweise noch im Nachgang per Post übersendet werden.

Folgende Bewerbungsunterlagen sind zwingend einzureichen:

  1. Ein förmlicher Einstellungsantrag unter Verwendung der amtlichen Vordrucke.
  2. Eine beglaubigte Ablichtung des Zeugnisses über das Bestehen der ersten juristischen Staatsprüfung (bei Prüfungen innerhalb SH genügt oft die Angabe der Kennzahl).
  3. Eine Ablichtung der Geburtsurkunde des Bewerbers.
  4. Gegebenenfalls beglaubigte Geburtsurkunden von Personen, denen gegenüber eine Unterhaltspflicht besteht.
  5. Gegebenenfalls eine Ablichtung der Eheurkunde oder eines Scheidungsbeschlusses (ohne Gründe).
  6. Nachweise über geleistete Dienste (Wehrdienst, FSJ etc.) sowie eine Erklärung über den Nachteilsausgleich nach § 34 HRG.
  7. Eine detaillierte Erklärung über den Gesundheitszustand nach vorgegebenem Muster.
  8. Eine Quittung über den Antrag auf ein Führungszeugnis zur Vorlage bei Behörden nach § 30 Absatz 5 BZRG.
  9. Erklärungen über etwaige Straf- und Disziplinarverfahren sowie über frühere Bewerbungen in anderen Bundesländern.
  10. Ein aktueller Lebenslauf.
  11. Ein vollständig ausgefüllter Personalbogen.

Besonders hervorzuheben ist das Nachbesetzungsverfahren: Sofern nach Ablauf der regulären Fristen noch Kapazitäten frei sind, können auch Bewerber berücksichtigt werden, deren mündliche Prüfung des ersten Examens erst nach der Bewerbungsfrist stattfindet. Hierbei erfolgt die Einstellung jedoch ausschließlich über die Warteliste in der Reihenfolge des Eingangs der Bewerbung, wobei keine Ortswünsche berücksichtigt werden. Eine Eingangsbestätigung der Bewerbung erfolgt seitens des OLG grundsätzlich nicht.

Unterhaltsbeihilfe und Krankenversicherung

Referendare in Schleswig-Holstein befinden sich seit dem 01.02.2002 nicht mehr in einem Beamtenverhältnis auf Widerruf, sondern in einem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis. Damit sind sie keine Beamten, sondern sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, wobei das Land Schleswig-Holstein als Dienstherr und Arbeitgeber fungiert.

Die finanzielle Vergütung wird als Unterhaltsbeihilfe bezeichnet und am Ende eines jeden Monats ausgezahlt. Der Grundbetrag beläuft sich laut aktuellem Stand (Februar 2025) auf 1.594,79 Euro brutto monatlich. Dieser Betrag ist dynamisch und wird gemäß § 1 Abs. 2 RUBVO zeitgleich mit den tarifvertraglichen Erhöhungen für andere Landesbedienstete angepasst. Zusätzlich haben Referendare mit Kindern Anspruch auf einen kindbezogenen Zuschlag. Die Höhe dieses Zuschlags orientiert sich an den Besoldungsstufen für Richter (Stufe R 1) nach § 44 Absatz 3 des Besoldungsgesetzes Schleswig-Holstein. Für das erste Kind wird beispielsweise der Unterschiedsbetrag zwischen Stufe 1 (verheiratet ohne Kinder) und Stufe 2 (verheiratet, ein Kind) gezahlt.

Zusätzliche Leistungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld sowie vermögenswirksame Leistungen werden im Referendariat nicht gewährt. Aufgrund der geringen Höhe der Unterhaltsbeihilfe besteht jedoch oft ein Anspruch auf Wohngeld, der bei der zuständigen Kommunalbehörde beantragt werden kann. Auch Kindergeld kann bis zum 25. Lebensjahr weiterbezogen werden, da das Referendariat als Berufsausbildung gilt.

Von der Brutto-Unterhaltsbeihilfe werden die üblichen Abzüge für Lohn- und Kirchensteuer sowie die Sozialversicherungsbeiträge einbehalten. Dazu gehören Beiträge zur:

  • Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).
  • Pflegeversicherung.
  • Arbeitslosenversicherung.

Da es sich um ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis nach § 5 Abs. 1 SGB V handelt, besteht grundsätzlich eine Versicherungspflicht in der gesetzlichen Krankenversicherung. Ein Wechsel in die private Krankenversicherung ist für Referendare in diesem Status nicht mehr möglich. Es besteht jedoch die Option, private Zusatzversicherungen abzuschließen, um für eine spätere Verbeamtung den Gesundheitszustand zu sichern und Leistungslücken zu schließen. Das Land trägt dabei die Arbeitgeberanteile zu den Versicherungen. In Zeiten von Sonderurlaub ohne Bezüge, etwa zur Promotion, entfällt die Beitragszahlung durch das Land, sodass sich die Referendare in diesem Zeitraum auf eigene Kosten versichern müssen.

Gesetzliche oder Private Krankenversicherung

Angehende Rechtsreferendare müssen sich vor dem Start in den Vorbereitungsdienst Gedanken dazu machen, wie sie sich während des Referendariats krankenversichern. Wir haben alle relevanten Informationen zusammengetragen und auf einer speziellen Seite zum Thema Gesetzliche bzw. Private Krankenversicherung im Rechtsreferendariat für Dich aufbereitet.

Nebentätigkeiten und Stationsentgelte

Die Ausübung einer Nebentätigkeit während des Referendariats ist grundsätzlich zulässig, unterliegt jedoch strengen Anzeige- und Genehmigungspflichten sowie zeitlichen und finanziellen Beschränkungen. Ziel dieser Regelungen ist es, sicherzustellen, dass die Ausbildung im Vordergrund steht und nicht durch andere Verpflichtungen beeinträchtigt wird. Jede Nebentätigkeit muss dem Präsidenten des OLG Schleswig im Voraus angezeigt werden. In der Anzeige sind Art, Dauer, Arbeitgeber und die voraussichtliche Vergütung anzugeben. Eine förmliche Genehmigung ist nicht mehr erforderlich, sofern das OLG keine Einwände erhebt; die Zustimmung wird schriftlich mitgeteilt.

Die zeitliche Belastung durch Nebentätigkeiten darf in der Regel einen Umfang von 8 Stunden pro Woche nicht überschreiten. Zudem darf die Tätigkeit keine selbstverantwortliche rechtsberatende Funktion beinhalten. Besonders häufig werden Nebentätigkeiten bei dem jeweiligen Stationsausbilder in der Anwaltsstation ausgeübt. Hierbei ist strikt darauf zu achten, dass die Aufgaben der Nebentätigkeit formal und inhaltlich klar von der eigentlichen Ausbildungstätigkeit abgrenzbar sind. Interessanterweise darf für die Ausbildung in der Anwaltsstation selbst derzeit kein Stationsentgelt gezahlt werden; Vergütungen müssen daher stets über einen separaten Arbeitsvertrag für eine Nebentätigkeit abgewickelt werden.

Finanziell gelten großzügige Anrechnungsgrenzen gemäß der Unterhaltsbeihilfeverordnung: Referendare dürfen bis zu 150 % ihres Brutto-Grundbetrages der Unterhaltsbeihilfe dazuverdienen, ohne dass eine Kürzung erfolgt. Erst wenn der Nebenverdienst diese Grenze überschreitet, wird der überschießende Betrag von der Unterhaltsbeihilfe abgezogen. Ein klassischer Minijob (z. B. auf 538-Euro-Basis) ist daher in der Regel anrechnungsfrei.

Es gibt jedoch Ausschlussgründe: Wer gleichzeitig einem Nebenstudium nachgeht, erhält in der Regel keine Erlaubnis für eine weitere Nebentätigkeit. Auch darf die Nebentätigkeit nicht zu Interessenkollisionen führen, weshalb Tätigkeiten in anderen Anwaltskanzleien nur unter Ausschluss von Parteiverrat zulässig sind. Bei Krankheit muss beachtet werden, dass eine Arbeitsunfähigkeit für den Dienst in der Regel auch die Ausübung der Nebentätigkeit ausschließt. Steuerlich und sozialversicherungsrechtlich müssen Referendare die Grenzen der „Gleitzone“ beachten, um keine unvorhergesehenen Abzüge zu riskieren.

Ablauf und Inhalt des Referendariats

Das Referendariat in Schleswig-Holstein ist ein zweijähriger praktischer Vorbereitungsdienst, der den angehenden Juristen auf die vielfältigen Aufgaben in der Rechtspflege, Verwaltung und Anwaltschaft vorbereitet. Die Dauer von exakt 24 Monaten ist gesetzlich festgelegt. Der Dienst gliedert sich in fünf aufeinanderfolgende Stationen, die durch begleitende Arbeitsgemeinschaften (AG) und Einführungslehrgänge strukturiert werden.

Die fünf Stationen im Detail:

  1. Strafrechtsstation (3,5 Monate): In der Regel erfolgt die Ausbildung bei einer Staatsanwaltschaft, fakultativ bei einem Strafgericht. Ein besonderes Merkmal ist der Sitzungsdienst, bei dem Referendare die Staatsanwaltschaft vor dem Amtsgericht eigenständig vertreten.
  2. Zivilstation (4,5 Monate): Die Ausbildung findet bei einem Richter am Amts- oder Landgericht statt. Hier liegt der Fokus auf der Relationstechnik und dem Entwurf von Urteilen.
  3. Verwaltungsstation (4 Monate): Diese kann bei Kommunalbehörden, Landesministerien oder sonstigen Behörden absolviert werden. Auch ein Aufenthalt an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften in Speyer (3 Monate) oder bei einer deutschen Auslandsvertretung ist möglich.
  4. Rechtsanwaltsstation (9 Monate): Dies ist die längste Station, in der Referendare bei einem Anwalt ihrer Wahl praktisch tätig sind. Bis zu drei Monate können hiervon bei Notaren, in Unternehmen oder bei ausländischen Anwälten verbracht werden. In diese Zeit fallen die schriftlichen Examensklausuren.
  5. Wahlstation (3 Monate): Den Abschluss bildet eine Station in einem gewählten Schwerpunktbereich (z. B. Zivilrechtspflege, Familienrecht, Wirtschaft und Steuern). Die Wahl bestimmt auch das Thema des Aktenvortrags in der mündlichen Prüfung.

Während der gesamten Zeit finden Pflicht-Arbeitsgemeinschaften (AG 1 bis 5) statt, in denen der Stoff theoretisch vertieft und Klausuren geschrieben werden. Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen sowie an den Einführungslehrgängen zu Beginn jeder Station gehört zur Dienstpflicht und geht jedem anderen Dienst vor. Ein unentschuldigtes Fernbleiben oder eine eigenmächtige Freistellung (sogenannte „Tauchstation“) ist untersagt und kann zu Gehaltskürzungen führen. Am Ende jeder Station erhält der Referendar ein Stationszeugnis, das seine Leistungen mit einer Punktzahl bewertet; diese Noten fließen zwar nicht direkt in die Examensnote ein, können aber bei der „Handsteuerung“ durch die Prüfungskommission eine Rolle spielen.

Weitere Leistungen und Fortbildungsangebote

Neben der Grundausbildung bietet das Land Schleswig-Holstein verschiedene Zusatzleistungen und spezielle Fortbildungen an, um die berufliche Qualifikation der Referendare zu fördern.

Ein Angebot ist das Ergänzungsstudium in Speyer: Referendare können während der Verwaltungs-, Anwalts- oder Wahlstation für drei Monate an der Deutschen Universität für Verwaltungswissenschaften Speyer studieren. Hierbei stehen pro Semester 15 Plätze für schleswig-holsteinische Referendare zur Verfügung. Das Land gewährt für diesen Aufenthalt einen einmaligen Zuschuss von 600 Euro nach dem Bundesreisekostengesetz.

Für die tägliche Arbeit werden umfangreiche elektronische Ressourcen kostenfrei zur Verfügung gestellt:

  • Kostenloser Zugang zu Juris und beck-online.
  • Das Lernprogramm ELAN-REF, das besonders praxisorientiert auf die Aufgaben in Zivil- und Strafstation vorbereitet.
  • Lernmodule des Deutschen Anwaltsinstituts (DAI) zur Vorbereitung auf die Anwaltschaft.

An Fortbildungen gibt es spezifische Angebote des OLG Schleswig, die beispielsweise das materielle Zivil- und Strafrecht sowie die Klausurtaktik abdecken. Eine verpflichtende Veranstaltung ist die Fortbildung zur Kritischen Reflexion des Rechts unter Berücksichtigung des NS- und SED-Unrechts, die regelmäßig am Ende der Zivilstation stattfindet. Auch Fortbildungen zum Opferschutz werden angeboten.

Referendare erhalten zudem einen Referendarausweis, der nicht nur den Zutritt zu Gerichten erleichtert, sondern auch Vergünstigungen bei Eintrittsgeldern ermöglicht. Darüber hinaus werden sie als Studenten im Sinne des Internationalen Studentenausweises (ISIC) anerkannt, der für eine geringe Gebühr (ca. 12-15 Euro) erworben werden kann und weltweit Rabatte bietet.

In sozialer Hinsicht besteht Anspruch auf 30 Tage Erholungsurlaub pro Jahr. Zudem gibt es die Möglichkeit, Bildungsurlaub (5 Tage pro Jahr) oder Sonderurlaub für Promotionszwecke zu beantragen. Für Fahrten zum Dienst kann ein durch das Land bezuschusstes Job-Ticket in Anspruch genommen werden. In Härtefällen können Referendare auch von Psychosozialer Unterstützung profitieren, die durch das OLG vermittelt wird.

Klausurenkurse und Aktenvortragskurse

Die kontinuierliche Vorbereitung auf das Examen wird durch ein breites Spektrum an freiwilligen und verpflichtenden Übungsmöglichkeiten unterstützt. Die Klausurenkurse werden von den vier Landgerichten Kiel, Lübeck, Flensburg und Itzehoe angeboten und stehen grundsätzlich allen Referendaren des OLG-Bezirks offen.

In den verschiedenen Bezirken gelten unterschiedliche Modalitäten:

  • Itzehoe: Klausuren werden montags ausgegeben; Abgabe ist online oder in Papierform möglich. Die Besprechung erfolgt meist drei Wochen später per Videokonferenz.
  • Kiel: Der Kurs findet freitags statt, wahlweise vor Ort oder online über das IQUL-Portal. Eine Teilnahme für Referendare fremder Bezirke ist hier aus Kapazitätsgründen eingeschränkt.
  • Flensburg: Ebenfalls freitags; die Anmeldung erfolgt über die IT-Stelle des Landgerichts.
  • Lübeck: Hier gibt es einen „großen“ Kurs für Fortgeschrittene und einen „kleinen“ Kurs für Einsteiger. Letzterer konzentriert sich auf StA- und Zivilurteilsklausuren und beinhaltet eine Anwesenheitspflicht bei den Besprechungen.

Seit April 2024 werden Klausuren verstärkt elektronisch über das IQUL-Portal bearbeitet, was die Bedingungen des eExamens simuliert. Die Bearbeitungszeit beträgt einheitlich von 8:30 bis 13:30 Uhr. In den Pflicht-Arbeitsgemeinschaften besteht zudem nach § 34 Abs. 3 JAVO die Pflicht, die dort angebotenen Klausuren anzufertigen und abzuliefern.

Zur Vorbereitung auf die mündliche Prüfung dienen spezielle Aktenvortragskurse. In Kiel wird beispielsweise eine AG für den Schwerpunkt im öffentlichen Recht angeboten. In anderen Bezirken finden solche Kurse oft auf Nachfrage statt. Ziel ist es, die freie Rede und die Strukturierung eines Falls unter Zeitdruck (90 Minuten Vorbereitung) zu trainieren. Die Teilnahme an diesen freiwilligen Kursen wird dringend empfohlen, da der Aktenvortrag einen signifikanten Teil der mündlichen Note ausmacht.

Das zweite Staatsexamen in Schleswig-Holstein

Das zweite juristische Staatsexamen wird vor dem Gemeinsamen Prüfungsamt (GPA) in Hamburg abgelegt, das für die Länder Hamburg, Bremen und Schleswig-Holstein zuständig ist. Zweck der Prüfung ist es, festzustellen, ob der Referendar befähigt ist, eigenverantwortlich in allen Bereichen der Rechts- und Verwaltungspraxis tätig zu sein [§ 4 Abs. 1 LÜ, 39].

Die Prüfung besteht aus zwei Hauptteilen:

  • Schriftlicher Teil (Aufsichtsarbeiten): Acht Klausuren werden in der ersten Hälfte des 21. Ausbildungsmonats geschrieben. Die Verteilung ist festgelegt: 3 Klausuren im Bürgerlichen Recht (ohne Spezialgebiete), 1 im Bürgerlichen Recht mit Fokus auf Handels-, Gesellschafts- oder Prozessrecht, 2 im Strafrecht und 2 im Öffentlichen Recht. Jede Klausur dauert fünf Stunden. Seit April 2024 können diese Klausuren wahlweise elektronisch am PC (eExamen) oder handschriftlich angefertigt werden.

Im schriftlichen Examen zugelassen sind 6 Kommentare (Grüneberg, Thomas/Putzo, Fischer, Meyer-Goßner/Schmitt, Kopp/Schenke und Kopp/Ramsauer). Da man auf jeden Fall die neueste Auflage der Kommentare im Examen zur Verfügung haben sollte und die Bücher sehr teuer sind, vermieten wir diese Kommentare an Rechtsreferendare. Unser Angebot für Referendare aus Schleswig-Holstein findest Du hier...

  • Mündlicher Teil: Dieser findet nach der Wahlstation statt. Er beginnt mit einem Aktenvortrag aus dem gewählten Schwerpunktbereich (10 Minuten Vortrag, 90 Minuten Vorbereitung). Es folgt ein Prüfungsgespräch, das sich in vier Abschnitte unterteilt: Zivilrecht, Strafrecht, Öffentliches Recht und der Schwerpunktbereich.

Die Klausuren gewichten insgesamt 70 % der Gesamtnote (je Klausur 8,75 %), während die mündliche Prüfung 30 % ausmacht (Aktenvortrag 8 %, die vier Gesprächsabschnitte je 5,5 %). Nach § 18 Abs. 1 LÜ ist die Prüfung bestanden, wenn eine Gesamtnote von mindestens 4,00 Punkten erreicht wird. Wer in den Klausuren einen Schnitt von weniger als 3,75 Punkten erzielt oder nicht in mindestens vier Klausuren (davon eine Zivilrecht) mindestens 4 Punkte erreicht, wird nicht zur mündlichen Prüfung zugelassen und hat das Examen im ersten Versuch nicht bestanden. In diesem Fall ist ein Ergänzungsvorbereitungsdienst (EVD) in Schleswig abzuleisten.

Statistik zum zweiten Examen

Für Juristen, die sich überlegen, in welchem Bundesland sie das Referendariat ableisten wollen, ist es sicherlich auch wichtig, einen Blick auf die Examensstatistiken zu werfen, insbesondere wie hoch die Durchfallquote und der Anteil an Prädikatsexamina ist. Für Schleswig-Holstein ergibt sich folgendes Bild:

Durchfallquote Schleswig-Holstein
  • Schleswig-Holstein
  • Bundesdurchschnitt
0102030402015201620172018201920202021202220232024Schleswig-Holstein 2015: 12,9Schleswig-Holstein 2016: 21,1Schleswig-Holstein 2017: 20,6Schleswig-Holstein 2018: 18,6Schleswig-Holstein 2019: 24,3Schleswig-Holstein 2020: 25,6Schleswig-Holstein 2021: 28,4Schleswig-Holstein 2022: 24,4Schleswig-Holstein 2023: 27,9Schleswig-Holstein 2024: 23,423,4Bundesdurchschnitt 2015: 13,8Bundesdurchschnitt 2016: 14,2Bundesdurchschnitt 2017: 13,2Bundesdurchschnitt 2018: 12,8Bundesdurchschnitt 2019: 12,6Bundesdurchschnitt 2020: 11,6Bundesdurchschnitt 2021: 12,2Bundesdurchschnitt 2022: 12,3Bundesdurchschnitt 2023: 12,1Bundesdurchschnitt 2024: 12,512,5
Werte als Tabelle anzeigen
2015201620172018201920202021202220232024
Schleswig-Holstein12,921,120,618,624,325,628,424,427,923,4
Bundesdurchschnitt13,814,213,212,812,611,612,212,312,112,5
Prädikatsexamina Schleswig-Holstein
  • Schleswig-Holstein
  • Bundesdurchschnitt
05101520252015201620172018201920202021202220232024Schleswig-Holstein 2015: 15,5Schleswig-Holstein 2016: 10,7Schleswig-Holstein 2017: 12,9Schleswig-Holstein 2018: 14,3Schleswig-Holstein 2019: 10,9Schleswig-Holstein 2020: 11,3Schleswig-Holstein 2021: 9,9Schleswig-Holstein 2022: 15,3Schleswig-Holstein 2023: 12,4Schleswig-Holstein 2024: 9,79,7Bundesdurchschnitt 2015: 18,2Bundesdurchschnitt 2016: 18,3Bundesdurchschnitt 2017: 18,7Bundesdurchschnitt 2018: 19,5Bundesdurchschnitt 2019: 19,5Bundesdurchschnitt 2020: 21,3Bundesdurchschnitt 2021: 21,4Bundesdurchschnitt 2022: 21,0Bundesdurchschnitt 2023: 21,3Bundesdurchschnitt 2024: 21,721,7
Werte als Tabelle anzeigen
2015201620172018201920202021202220232024
Schleswig-Holstein15,510,712,914,310,911,39,915,312,49,7
Bundesdurchschnitt18,218,318,719,519,521,321,421,021,321,7

Notenverbesserung

Für Referendare, die das zweite Staatsexamen beim ersten Versuch bestanden haben, besteht die Möglichkeit eines Notenverbesserungsversuchs gemäß § 23a der Länderübereinkunft (LÜ). Dies ist ein Instrument, um die beruflichen Chancen durch eine höhere Punktzahl zu steigern.

Die Rahmenbedingungen für die Notenverbesserung sind:

  • Antragsfrist: Der Antrag muss spätestens vier Monate nach der mündlichen Prüfung des bestandenen Erstversuchs schriftlich beim GPA in Hamburg gestellt werden.
  • Gebühren: Die Gebühr für die Verbesserungsprüfung beträgt 935,34 €; Bei Rücknahme oder Widerruf der Zulassung vor Beginn der Votierung der schriftlichen Aufsichtsarbeiten ermäßigt sich die Gebühr auf 383,84 Euro. Bei Rücknahme oder Widerruf der Zulassung vor Beginn der mündlichen Prüfung ermäßigt sich die Gebühr auf 779,28 Euro.
  • Umfang: Die Prüfung muss vollständig wiederholt werden. Es ist nicht möglich, nur einzelne Klausuren oder nur den mündlichen Teil zu wiederholen. Frühere Leistungen werden nicht angerechnet; es gilt im Falle der Verbesserung die neue Note, während bei einer Verschlechterung die Note des ersten Versuchs bestehen bleibt.
  • Ablauf: Der Prüfling wird zum nächstmöglichen regulären Termin geladen. Ein Wechsel des einmal gewählten Schwerpunktbereichs ist für den Verbesserungsversuch ausgeschlossen.

Es ist wichtig zu beachten, dass man mit dem Bestehen des ersten Versuchs aus dem öffentlich-rechtlichen Ausbildungsverhältnis ausscheidet. Das bedeutet, während des Verbesserungsversuchs besteht kein Anspruch mehr auf Unterhaltsbeihilfe. Auch die Ausbildungspflichten entfallen. Die Kandidaten müssen sich in dieser Zeit selbst finanzieren und auch eigenständig für ihren Versicherungsschutz sorgen. Die Teilnahme an den Klausurenkursen der Landgerichte ist für Verbesserer oft nur noch eingeschränkt oder auf spezielle Anfrage möglich. Zuständig für das gesamte Verfahren ist ausschließlich das GPA Hamburg; das OLG Schleswig hat hier keine Verwaltungszuständigkeit mehr.

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