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  Ausgabe 04/2026
Freitag, der 23.01.2026
     

 / Allgemein

Bildungsreise – Nicht mit dem Nachtzug, aber Kachelkunst, Bacalhau und eine Medaille

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Auch, wenn es mittlerweile schon wieder einige Tage her ist, dass meine AG sich aufmachte, um gemeinsam fernab vom Schreibtisch neue juristische und nichtjuristische Eindrücke zu sammeln, möchte ich euch unsere Erlebnisse von der Studienfahrt nicht vorenthalten.

Über die Planung und Organisation im Vorfeld der Fahrt hatte ich  ja bereits in meinem Artikel „Planung einer AG Fahrt – never ending story?!“ berichtet. Nachdem wir uns zunächst alle einstimmig entschieden hatten eine AG Fahrt zu machen, musste leider krankheitsbedingt kurzfristig doch jemand zu Hause bleiben, alle anderen machten sich aber geschlossen auf den Weg zum Flughafen nach Frankfurt. Einen kleinen Umschlag mit Reiseunterlagen hatte ich einige Tage vorher per Post bekommen, das (vorläufige) Programm hatte sich zwischenzeitlich noch drei mal geändert und ich war etwas aufgeregt und hoffte nur, dass mit unseren Flug-Internetbuchungs-Codes und auch sonst alles glattging. Die Anreise mit dem Flugzeug von Frankfurt nach Lissabon und einem Bus in die Innenstadt verlief unproblematisch. Die vom Reiseveranstalter mitgeschickte Übersichtskarte war allerdings nicht sehr detailliert und benutzungsfreundlich, sodass wir mitsamt unserem Gepäck auf der Suche nach dem richtigen Hotel zunächst in die falsche Richtung liefen… kurz darauf standen wir dann aber vor dem Zielgebäude. Nachdem so mancher Horrorgeschichten von Hotelbewertungsportalen auf der Reise berichtet hatte, war der erste Eindruck des Gebäudes und der Zimmer zum Glück sehr positiv! 😉

Das Hotel lag entsprechend der Beschreibung tatsächlich sehr zentral in der Altstadt, sodass wir direkt nach einem kurzen Check-In die nähere Umgebung erkunden und das erste regionale Abendessen genießen konnten. Direkt zum Auftakt testeten einige die traditionelle regionale Spezialität – Bacalhau (Stockfisch) und waren ganz angetan.

Direkt am nächsten Morgen stand der erste juristische Programmpunkt auf dem Plan. Damit die Reise als Bildungsfahrt genehmigungsfähig ist, müssen zur Rechtfertigung von einer Woche Dienstbefreiung in Hessen 6 juristische Programmpunkte nachgewiesen werden. Der Reiseveranstalter hatte für uns an drei Tagen jeweils morgens um 10 Uhr und mittags um 14 Uhr einen Termin vereinbart. Hierzu zählten der Besuch der Aufsichtsbehörde für Versicherungen, ein Vortrag im Goethe-Institut über die Geschichte und die Aufgaben der Einrichtung in Lissabon, ein Fachgespräch mit einem Professor in der juristischen Fakultät der Universität von Lissabon, der Besuch einer Anwaltskanzlei, ein Vortrag über den Vertrag von Lissabon auf dem Campus de Justica sowie der Empfang beim Obersten Gericht von Lissabon – dem Supreme Court of Justice.

Das Highlight war zweifelsfrei der Empfang im Supreme Court, in welchem wir vom Präsidenten selbst freundlich empfangen wurden. Dieser erläuterte uns die geschichtlichen Hintergründe der Justiz in Lissabon und erklärte uns den Justizaufbau, indem er die Unterschiede zwischen deutscher und portugiesischer Gerichtsbarkeit aufzeigte und in einem Ausblick auf die anstehenden Veränderungen in Portugal hinwies. Anschließend beantwortete er sehr geduldig und bereitwillig alle unsere Fragen, gab sich viel Mühe uns alles richtig zu erklären und zeigte uns dann noch den großen mit rotem Teppich ausgelegten pompösen Verhandlungssaal mit großem Kronleuchter und Deckengemälde. Zum Abschluss unseres Besuchs überreichte er uns als Ausdruck seiner Gastfreundlichkeit eine Medaille des Supremo Tribunal de Justica.

Die Gespräche und Vorträge in den verschiedenen Institutionen fanden – außer im Goethe-Institut – alle in englischer Sprache statt. Der Präsident der juristischen Fakultät in Lissabon führte uns durch das Institut, präsentierte uns die juristische Bibliothek und das institutseigene Museum zur Fakultätsgeschichte und erzählte von seinen Aufgaben, der Juristenausbildung in Portugal, sowie den Bestrebungen der Universität, die internationale Zusammenarbeit voranzutreiben.

Auch die anderen Ansprechpartner bei den Institutionen vor Ort nahmen sich alle viel Zeit für uns.  Sie hielten uns einen kleinen Vortrag, verköstigten uns mit Getränken und Häppchen und beantworteten bereitwillig unsere Fragen. Auch wenn einige unserer Wünsche (Besuch der europäischen Kommission, der deutschen Botschaft und der deutsch-portugiesischen Handelskammer) nicht berücksichtigt werden konnten, wurde uns ein interessantes Programm zusammengestellt. Etwas kritisch anzumerken ist allerdings, dass die Programmübersicht zwar Namen von Ansprechpartnern bereithielt, jedoch keine Kontaktmöglichkeiten. Da manche der Institutionen etwas weiter außerhalb lagen und es für Ortsunkundige nicht immer leicht ist, Entfernungen einzuschätzen und die Gepflogenheiten des Nahverkehrssystems zu durchschauen, hätten wir einmal gerne bescheid gegeben, dass wir uns trotz aller Bemühungen verspäten… insoweit waren auch die vom Reiseveranstalter zur Verfügung gestellten google-maps Ausschnitte ohne Maßstab, eingezeichnete Bus-/U-Bahnstationen und den weiteren Laufweg nicht zufriedenstellend. Hier kann ich jedem nur raten, sich im Vorfeld selbst schlau zu machen, wo genau man hin muss und wie lange das dauert und sich nicht auf spärliche Informationen der Buchungsagentur zu verlassen. Auch, wenn man meinen sollte, dass die Zeiten aufeinander abgestimmt sind, so ist ein Vormittagstermin ganz im Norden der Stadt und ein mittäglicher Termin direkt im Anschluss im komplett gegenüberliegenden Außenbereich der Stadt schwer vereinbar….

Abgesehen vom juristischen Rahmenprogramm hatten wir in der übrigen Zeit des Tages natürlich auch noch Gelegenheit die Stadt zu erkunden. Am ersten Nachmittag hatte eine unserer AG Kolleginnen für uns eine Stadtführung der besonderen Art organisiert – mit einem ihr bekannten Exil-Deutschen, der seit längerem in Lissabon lebt. Er verschaffte uns ganz individuelle Einblicke ins dortige Leben und zeigte nicht nur die touristischen Anziehungspunkte, sondern ebenso Spannendes in den Seitenstraßen fernab der berühmten Sehenswürdigkeiten. Am nächsten Tag entdeckten wir auf dem Weg nach oben zum Castelo de Sao Jorge eine wunderschöne Dachterrasse mit einem tollen Cafe wo wir die grandiose Aussicht über den Tejo und einen Teil der Stadt genießen konnten, während wir uns bei traumhaftem Wetter in Liegestühlen Köstlichkeiten genehmigten. 🙂
Dank des sehr zentral gelegenen Hotels konnten wir auch in das Nachtleben eintauchen – wenngleich der Campus etwas außerhalb der Stadt liegt, waren im Zentrum doch einige Studenten unterwegs, sodass auch abends noch etwas los war. Nicht unerwähnt bleiben soll natürlich, dass Lissabon tolle Restaurants am Tejo und in der Altstadt zu bieten hat, wo natürlich insbesondere der frische Fisch sehr lecker ist.

Kurzum, wir haben viel erlebt und hätten sicher noch viel mehr sehen können, aber die Zeit verging wie im Flug und war wie immer zu kurz! 😉 Vielleicht hätten wir darüber nachdenken sollen, an die 5 Tage Bildungsurlaub noch das oder die Wochenenden dran zu hängen um auch mal einen Ausflug ins Umland machen zu können… es war aber auf jedenfall eine tolle Reise, die uns fachlich über den Tellerrand schauen ließ, kulturell begeisterte und in der AG untereinander viele schöne gemeinsame Erlebnisse bescherte, sodass wir uns alle auch privat näher kennenlernten und seitdem  noch besser verstehen.

Abgesehen von den bereits angesprochenen Kritikpunkten, dass unsere Wünsche hinsichtlich des Fachprogramms nicht gänzlich umgesetzt werden konnten und sich das Programm mehrfach komplett änderte, sowie der nicht ganz so detaillierten Reiseunterlagen bezüglich der zum Besuch des Programms notwendigen Anreise- und Kontaktinformationen muss ich sagen, dass es uns die Umsetzung der AG Fahrt deutlich erleichtert hat, ein Komplettpaket über einen Reiseveranstalter zu buchen. Es soll an dieser Stelle allerdings nicht verschwiegen werden, dass eine andere Darmstädter AG ebenfalls eine Reise nach Lissabon machte und diese komplett selbst organisierte – mit Unterkunft in einer Ferienwohnung – und dabei deutlich günstiger weg kam als wir. Jedoch bedeutete das für die Organisatoren nochmal deutlich mehr Aufwand, als ich das in meinem Artikel zur Planung der AG-Fahrt bereits angerissen habe…
Wir hatten so alles aus einer Hand und nachdem wir die Berichte zu den einzelnen Fachprogrammpunkten eingereicht hatten, wurde die vorläufige Genehmigung der Bildungsreise natürlich auch unproblematisch endgültig genehmigt – und im AG-Fahrten Ordner der Referendargeschäftsstelle gibt es wieder einen Reisebericht mehr, zur Inspiration für gute Ziele und Programmpunkte, sowie als Muster für die eigenen AG-Fahrt-Berichte…

In diesem Sinne – nutzt die Möglichkeit einer solchen Referendarfahrt und habt viel Spaß bei eurer Bildungsreise!! 🙂

Der Artikel wurde am 31. August 2013 von veröffentlicht. Melli war Referendarin in Hessen.